Warum du mit einem ETF wie dem S&P 500 kaum verlieren kannst, und trotzdem kaum jemand einsteigt
- Roberto De Luca

- vor 11 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Frag jemanden, warum er nicht an der Börse investiert, und du bekommst fast immer dieselbe Antwort: "Das ist mir zu riskant, ich könnte alles verlieren." Diese Angst ist verständlich, aber bei einem breit gestreuten ETF wie dem S&P 500 (die 500 grössten US-Firmen) oder dem MSCI World (rund 1'400 Firmen aus 23 Industrieländern) hält sie einem Blick auf die Zahlen kaum stand. Schauen wir uns an, was die Geschichte tatsächlich zeigt, und warum trotzdem so wenige Menschen den Schritt wagen.
Was die Zahlen wirklich sagen
Der Vermögensverwalter Schroders hat den S&P 500 von 1871 bis 2020 ausgewertet, also über 148 Jahre, und dabei verschiedene Anlagezeiträume verglichen. Das Ergebnis: Wer nur einen Monat investiert war, hatte in knapp 40 Prozent der Fälle einen Verlust (inflationsbereinigt). Bei einem Anlagehorizont von 20 Jahren sank diese Verlustwahrscheinlichkeit dagegen auf praktisch null. Eine unabhängige Auswertung des MSCI World von 1969 bis 2021 kam zu einem sehr ähnlichen Muster: Je länger die Haltedauer, desto kleiner die Verlustwahrscheinlichkeit, mit demselben Trend Richtung null bei sehr langen Zeiträumen.
Das deutsche ifo-Institut hat das für den S&P 500 nochmals konkret durchgerechnet: Bei einer Einmalanlage lag die Verlustwahrscheinlichkeit nach einem Jahr bei rund 10 Prozent, nach 10 Jahren bei etwa 5 Prozent und nach 15 Jahren bei 0 Prozent. Bei einer kontinuierlichen Anlage, also einem Dauerauftrag statt einer Einmalzahlung, sank sie sogar noch etwas gleichmässiger: 8 Prozent nach 5 Jahren, 3 Prozent nach 10 Jahren, 2 Prozent nach 15 Jahren und 0 Prozent nach 20 Jahren.
Wichtig für die Einordnung: "Praktisch unmöglich, Geld zu verlieren" heisst nicht garantiert. Es heisst, dass es in der bisherigen Geschichte dieser Indizes bei ausreichend langem Zeithorizont so gut wie nie vorgekommen ist. Die Vergangenheit ist keine Garantie für die Zukunft, aber sie zeigt sehr deutlich: Das grösste Risiko an der Börse ist meistens nicht der Markt selbst, sondern ein zu kurzer Zeithorizont.
Warum funktioniert das überhaupt?
Der Grund dahinter ist simpel: Ein ETF auf den S&P 500 oder MSCI World bündelt hunderte oder tausende Firmen aus vielen Branchen und Ländern gleichzeitig. Geht eine einzelne Firma unter, wird sie im Index einfach durch eine andere ersetzt, dein Investment hängt nicht am Schicksal eines einzelnen Unternehmens. Über lange Zeiträume spiegelt ein solcher Index im Kern das Wachstum der gesamten Weltwirtschaft, und diese ist über die letzten 150 Jahre trotz Kriegen, Krisen und Crashs im Trend immer weitergewachsen. Und davon gab es einige: die Weltwirtschaftskrise 1929, die Ölkrise 1973/74, der "Schwarze Montag" 1987, die Dotcom-Blase 2000 bis 2002, die globale Finanzkrise 2008, der Corona-Crash 2020 und die Inflations- und Zinswende 2022. Jede dieser Krisen fühlte sich im Moment nach dem Ende der Börse an, und jedes Mal hat sich der Markt langfristig wieder erholt und neue Höchststände erreicht. Die eigentlich spannende Frage ist deshalb nicht, ob es eine nächste Krise geben wird, sondern wann sie kommt und wie sie aussehen wird. Das weiss niemand im Voraus, auch ich nicht, und genau das ist der Punkt: Wer langfristig und breit gestreut investiert, muss diese Frage gar nicht beantworten können, um trotzdem gute Chancen zu haben.
Aber warum steigen Aktienkurse und Unternehmensgewinne über die Zeit überhaupt tendenziell weiter, statt einfach nur auf und ab zu schwanken? Dafür gibt es mehrere handfeste Gründe. Erstens die Inflation selbst: Steigen die allgemeinen Preise, steigen in der Regel auch die Umsätze der Firmen, sie verkaufen ihre Produkte schlicht zu höheren Preisen weiter, was sich nominal auch in höheren Gewinnen und damit höheren Aktienkursen niederschlägt. Zweitens die Produktivität: Neue Technologien, bessere Maschinen und effizientere Abläufe sorgen dafür, dass dieselbe Anzahl Arbeitsstunden über die Zeit mehr Wert erzeugt, das kommt am Ende auch den Unternehmensgewinnen zugute. Drittens das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum: Mehr Menschen bedeuten mehr Konsumenten, mehr Arbeitskräfte und insgesamt eine wachsende Wirtschaft, in der Firmen mehr verkaufen können. Und viertens reinvestieren Unternehmen einen Teil ihrer Gewinne laufend wieder in neue Produkte, neue Märkte oder neue Effizienzsteigerungen, was das künftige Wachstum zusätzlich antreibt. Diese vier Kräfte wirken nicht jedes Jahr gleich stark, und zwischendurch gibt es immer wieder Rückschläge, aber über Jahrzehnte hinweg haben sie den Trend bisher zuverlässig nach oben getragen.
Was die meisten trotzdem abschreckt
Wenn die Zahlen so eindeutig sind, warum steigen dann so wenige Menschen ein? Aus meiner Erfahrung sind es vor allem diese Punkte:
Die Angst vor dem "falschen" Zeitpunkt
Viele warten auf den perfekten Einstiegsmoment, der Markt sei "gerade zu hoch". Genau diese Denkweise sorgt dafür, dass Leute jahrelang an der Seitenlinie stehen, während der Markt weiterläuft.
Schlagzeilen statt Statistik
Crashs und Kurseinbrüche sind Schlagzeilen wert, die ruhige, langfristige Aufwärtsbewegung dazwischen dagegen nicht. Wer nur die Nachrichten verfolgt, bekommt automatisch ein verzerrtes, viel gefährlicheres Bild der Börse, als die Zahlen tatsächlich hergeben.
Verwechslung von Trading und Investieren
Viele Horrorgeschichten über Börsenverluste stammen von Menschen, die kurzfristig gehandelt, gehebelt oder in einzelne, riskante Aktien investiert haben, nicht von Leuten, die geduldig einen breiten Index über Jahrzehnte gehalten haben. Diese beiden Welten werden in der öffentlichen Wahrnehmung oft munter vermischt.
Das Gefühl, man müsse ein Experte sein
Viele denken, sie müssten erst Wirtschaft studieren oder Bilanzen lesen können, bevor sie überhaupt anfangen dürfen. Bei einem breiten ETF ist genau das nicht nötig, du musst keine einzelne Firma analysieren, der Index macht die Streuung automatisch für dich.
Verlustaversion
Psychologisch wiegt ein Verlust für die meisten Menschen etwa doppelt so schwer wie ein gleich grosser Gewinn sich gut anfühlt. Ein kurzfristiger Kurseinbruch von 20 Prozent fühlt sich deshalb dramatischer an, als er bei einem 20-jährigen Anlagehorizont statistisch tatsächlich ist.
Der eigentliche Punkt
Die Daten zeigen ziemlich klar: Das grösste Risiko ist meistens nicht, zu investieren, sondern gar nicht erst anzufangen, oder bei der ersten grösseren Kursschwankung wieder panisch auszusteigen. Wer stattdessen geduldig, regelmässig und langfristig in einen breit gestreuten Index investiert, hat die Wahrscheinlichkeit historisch klar auf seiner Seite.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Bildung und Aufklärung und basiert auf historischen Daten. Historische Wertentwicklungen sind keine Garantie für zukünftige Ergebnisse. Ich bin weder Anlage- noch Steuerberater. Er ersetzt keine individuelle Finanzberatung.
Kommentare