Fractional Reserve: Woher das Geld für deine Hypothek wirklich kommt
- Roberto De Luca

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Hast du dir auch schon Gedanken gemacht, einen Kredit oder eine Hypothek aufzunehmen? Dann stell dir vor, du bekommst eine Hypothek über 800'000 Franken bewilligt. Die naheliegende Vorstellung ist: Die Bank nimmt das Geld anderer Sparer, die es bei ihr deponiert haben, und reicht es an dich weiter. Klingt logisch, ist aber nicht ganz richtig. Was in diesem Moment wirklich passiert, überrascht die meisten Menschen, selbst viele, die schon eine Hypothek abgeschlossen haben. Schauen wir uns das genauer an.
Das klassische Bild: der Reservetopf
Fangen wir mit dem Modell an, das die meisten aus der Schule oder aus Erklärvideos kennen, dem sogenannten Fractional Reserve Banking (Teilreserve-System). Die Idee dahinter: Eine Bank nimmt Einlagen von Sparern entgegen, muss aber nur einen kleinen Teil davon als Reserve zurückbehalten, den Rest darf sie verleihen. In der Schweiz liegt dieser Mindestreservesatz aktuell bei 4 Prozent, festgelegt von der Schweizerischen Nationalbank.
Nach diesem klassischen Modell würde das so ablaufen: Du zahlst 1'000 Franken auf dein Konto ein. Die Bank behält 40 Franken (4 Prozent) als Reserve und verleiht die restlichen 960 Franken an jemand anderen. Diese Person zahlt die 960 Franken wiederum auf ihr eigenes Bankkonto ein, wo erneut nur 4 Prozent zurückbehalten und der Rest weiterverliehen wird. Wiederholt man das viele Male, entsteht rechnerisch am Ende ein Vielfaches der ursprünglichen Einlage, im Extremfall theoretisch bis zum 25-Fachen. Das nennt man den Geldschöpfungsmultiplikator.
Wie es in der Praxis tatsächlich abläuft
So weit die Theorie aus dem Lehrbuch. Die Praxis sieht laut den grossen Zentralbanken selbst (unter anderem hat die Bank of England das 2014 in einem viel beachteten Papier ausführlich dargelegt) tatsächlich etwas anders aus, und das lohnt sich zu verstehen: Eine Bank wartet bei einer Kreditvergabe nicht erst darauf, genügend Spargeld von anderen Kunden gesammelt zu haben. Sie erschafft den Kreditbetrag im Moment der Kreditvergabe direkt neu, durch einen einfachen Buchungseintrag.
Konkret bei deiner Hypothek über 800'000 Franken läuft es so ab: Die Bank prüft deine Bonität, den Wert der Immobilie und deine Tragbarkeit. Ist alles in Ordnung, macht sie zwei Buchungen gleichzeitig. Erstens: Sie schreibt dir eine Forderung über 800'000 Franken auf der Aktivseite ihrer Bilanz gut, das ist deine Schuld ihr gegenüber. Zweitens: Sie schreibt dir denselben Betrag als Guthaben auf deinem Konto gut, eine neue Verbindlichkeit auf der Passivseite ihrer Bilanz. Dieses Guthaben auf deinem Konto ist in diesem Moment komplett neu entstandenes Buchgeld, kein Franken davon musste vorher irgendwo als Spareinlage existieren. Die Bank hat mit deiner Unterschrift unter dem Hypothekarvertrag im Grunde neues Geld geschaffen, das vorher schlicht nicht existierte.
Wofür braucht es dann überhaupt die Mindestreserve?
Wenn eine Bank Geld quasi per Buchungseintrag erschaffen kann, wozu dann die Mindestreservepflicht? Die Antwort: Die Mindestreserve ist kein Vorrat, aus dem einzelne Kredite direkt finanziert werden, sondern eine Art Sicherheitsnetz auf Systemebene. Banken müssen im Durchschnitt über eine Erhebungsperiode hinweg genügend Guthaben bei der Nationalbank halten, damit der Zahlungsverkehr zwischen den Banken funktioniert und das Bankensystem als Ganzes stabil bleibt. Reicht die Reserve einer einzelnen Bank kurzfristig nicht aus, kann sie sich am Interbankenmarkt oder direkt bei der Nationalbank Liquidität besorgen, das begrenzt die einzelne Kreditvergabe im Alltag kaum.
Die eigentliche Bremse für Banken sind heute in der Praxis eher die Eigenkapitalvorschriften (Stichwort Basel III): Für jeden vergebenen Kredit muss eine Bank einen bestimmten Anteil an eigenem Kapital als Risikopuffer zurückhalten, nicht als verleihbare Reserve, sondern als Verlustpuffer, falls Kredite ausfallen. Je risikoreicher ein Kredit eingeschätzt wird, desto mehr Eigenkapital muss die Bank dafür vorhalten. Das begrenzt letztlich, wie viele Kredite eine Bank insgesamt vergeben kann, nicht in erster Linie die Mindestreserve.
Warum das wichtig zu verstehen ist
Diese Mechanik hat eine wichtige Konsequenz: Ein grosser Teil des Geldes, das wir im Alltag als "Franken auf dem Konto" wahrnehmen, ist gar nicht durch Bargeld oder Nationalbankgeld gedeckt, sondern entsteht laufend neu, immer dann, wenn irgendwo ein neuer Kredit oder eine neue Hypothek vergeben wird. Steigt die Kreditvergabe insgesamt stark an, wächst damit auch die umlaufende Geldmenge, was mit ein Grund dafür ist, warum zum Beispiel Immobilienpreise so stark steigen können: Mehr vergebene Hypotheken bedeuten mehr neu geschaffenes Geld, das in denselben begrenzten Immobilienmarkt fliesst.
Das erklärt auch, warum ein sogenannter Bank Run so gefährlich ist: Würden plötzlich alle Kunden gleichzeitig ihr gesamtes Guthaben in bar abheben wollen, hätte die Bank dieses Geld gar nicht in dieser Form vorrätig, weil ein Grossteil davon eben nur als Kreditforderungen und Buchgeld existiert, nicht als physisches Bargeld im Tresor.
Was dann passiert, läuft meist in mehreren Stufen ab. Zuerst versucht die Bank, kurzfristig an Bargeld zu kommen, etwa indem sie sich bei anderen Banken am Interbankenmarkt Geld leiht oder bei der Nationalbank Liquiditätshilfe beantragt. Reicht das nicht aus, muss sie beginnen, Vermögenswerte wie Wertschriften oder sogar Kreditforderungen selbst zu verkaufen, oft unter Zeitdruck und damit unter Wert, was ihre finanzielle Lage zusätzlich verschlechtert. Bleiben die Abhebungen trotzdem hoch, kann die Bank schlicht illiquide werden, sie hat also genügend Vermögen auf dem Papier, aber nicht genug greifbares Geld, um alle Kunden gleichzeitig auszuzahlen. In diesem Fall greift entweder die Einlagensicherung, die in der Schweiz Guthaben bis 100'000 Franken pro Kunde und Bank absichert, oder die Aufsichtsbehörde (FINMA) muss eingreifen, im Extremfall mit einer Rettung, einer Zwangsübernahme durch eine andere Bank oder einer geordneten Abwicklung. Genau ein solches Szenario, wenn auch nicht durch einen klassischen Bank Run ausgelöst, sondern durch einen massiven Vertrauensverlust, hat die Schweiz 2023 bei der Credit Suisse hautnah miterlebt, als die Bank innerhalb weniger Tage von der UBS übernommen werden musste, um einen unkontrollierten Zusammenbruch zu verhindern.
Aber Roberto, was hat das mit dem Investment zu tun?
Das hat sehr viel damit zu tun, sogar mehr, als es auf den ersten Blick scheint.
Jede neu vergebene Hypothek und jeder neue Kredit erschafft, wie wir gesehen haben, neues Geld, das vorher nicht existierte. Wächst die Geldmenge auf diese Weise schneller, als gleichzeitig neue Güter, Dienstleistungen oder Werte entstehen, verliert jeder einzelne Franken tendenziell an Kaufkraft, das ist im Kern Inflation. Dein Geld auf dem Sparkonto wird also nicht wirklich weniger, aber es kauft dir mit der Zeit weniger, weil laufend neues Geld ins System fliesst und sich die vorhandene Gütermenge diese grössere Menge Franken teilen muss.
Genau das ist der Grund, warum reines Sparen auf lange Sicht nicht ausreicht. Wenn die Geldmenge durch Kreditvergabe stetig wächst, aber dein Erspartes auf dem Konto liegen bleibt, verlierst du im Hintergrund laufend Kaufkraft, selbst wenn die Zahl auf dem Kontoauszug gleich bleibt oder sogar leicht steigt. Investieren, in Aktien, ETFs oder auch Bitcoin, ist letztlich der Versuch, dein Geld dort zu platzieren, wo es mindestens im gleichen Tempo wächst wie die Geldmenge selbst, oder idealerweise sogar schneller. Wer nicht investiert, kämpft ohne es zu merken gegen einen Gegenwind, der durch genau diesen Mechanismus der Geldschöpfung entsteht, jeden Tag, mit jeder neuen Hypothek und jedem neuen Kredit, der irgendwo auf der Welt vergeben wird.
Das Wichtigste in Kürze
Wenn eine Bank dir eine Hypothek oder einen Kredit gewährt, verleiht sie in der Regel nicht einfach das Geld anderer Sparer weiter, sie erschafft den Betrag im Moment der Kreditvergabe neu, durch einen Buchungseintrag. Begrenzt wird diese Kreditvergabe in der Praxis weniger durch die Mindestreserve als durch die Eigenkapitalvorschriften der Banken. Genau dieses stetige Wachstum der Geldmenge ist einer der Treiber von Inflation, und genau deshalb reicht reines Sparen langfristig nicht aus, um deine Kaufkraft zu erhalten. Wer das einmal verstanden hat, blickt auch auf Themen wie steigende Immobilienpreise, Geldmengenwachstum und die eigene Investmentstrategie mit ganz anderen Augen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Bildung und Aufklärung. Er ersetzt keine individuelle Finanzberatung.
Kommentare