Säule 3a vs. Säule 3b: Warum alle von der einen reden und kaum jemand die andere kennt
- Roberto De Luca

- 20. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Säule 3a vs. Säule 3b:
Frag zehn Leute in der Schweiz nach der Säule 3a, und die meisten können dir sofort etwas dazu sagen: "Ja, das ist das mit den Steuern, das mache ich jedes Jahr." Frag dieselben zehn Leute nach der Säule 3b, und du erntest oft nur ein Schulterzucken. Dabei ist die 3b Teil desselben Systems, hat sogar denselben Namen. Warum kennt trotzdem fast niemand sie? Genau das schauen wir uns heute an.
Das Schweizer Vorsorgesystem in 30 Sekunden
Die Altersvorsorge in der Schweiz basiert auf drei Säulen. Die 1. Säule ist die staatliche AHV, die jeder bekommt. Die 2. Säule ist die Pensionskasse deines Arbeitgebers. Und die 3. Säule ist deine private, freiwillige Vorsorge. Sie teilt sich wiederum in zwei Teile: die Säule 3a (gebundene Vorsorge) und die Säule 3b (freie Vorsorge). Der Grundgedanke: 1. und 2. Säule sollen zusammen rund 60 Prozent deines letzten Lohns abdecken. Für alles darüber hinaus bist du selbst verantwortlich, dafür gibt es die 3. Säule.
Die Säule 3a: gebunden, aber steuerlich attraktiv
Die Säule 3a ist gesetzlich klar geregelt. 2026 darfst du als Angestellte:r mit Pensionskasse maximal CHF 7'258 pro Jahr einzahlen. Bist du selbstständig und hast keine Pensionskasse, sind es bis zu 20 Prozent deines Erwerbseinkommens, maximal CHF 36'288.
Der grosse Anreiz: Jeder Franken, den du in die Säule 3a einzahlst, kannst du direkt von deinem steuerbaren Einkommen abziehen. Zahlst du den vollen Maximalbetrag ein, sparst du je nach Kanton und Einkommen schnell mehrere hundert bis über tausend Franken Steuern pro Jahr. Über eine ganze Erwerbskarriere von 30 Jahren kommen so gemäss Branchenschätzungen oft 60'000 bis 90'000 Franken an eingesparten Steuern zusammen. Auch während der Laufzeit bleibt das Geld von Einkommens- und meist auch von der Vermögenssteuer befreit.
Der Haken: Du kommst nicht einfach so an dein Geld. Es ist "gebunden", daher der Name. Regulär darfst du es frühestens fünf Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter beziehen. Vorher geht das nur in klar definierten Ausnahmefällen: zum Beispiel für den Kauf von selbstbewohntem Wohneigentum, den Schritt in die Selbstständigkeit, einen Einkauf in die Pensionskasse, oder wenn du die Schweiz definitiv verlässt.
Ein Punkt, der oft untergeht, oder von Beratern nicht klar genug erwähnt wird: Zwar sind Zinsen und Kursgewinne innerhalb der Säule 3a während der ganzen Laufzeit steuerfrei, du zahlst also unterwegs nichts auf die Wertentwicklung deines 3a-Depots. Bei der Auszahlung wird das gesamte angesparte Kapital aber trotzdem einmalig als Einkommen besteuert, getrennt von deinem übrigen Einkommen, zu einem deutlich reduzierten Satz, der sogenannten Kapitalauszahlungssteuer. Beim Bund beträgt dieser Satz laut Eidgenössischer Steuerverwaltung nur rund ein Fünftel des normalen Einkommenssteuertarifs. In der Praxis (Bund, Kanton und Gemeinde zusammengerechnet) bewegt sich die effektive Belastung je nach Wohnkanton und Höhe des Bezugs meist irgendwo zwischen 2 und 10 Prozent des ausbezahlten Betrags, bei sehr hohen Bezügen in teuren Kantonen auch etwas mehr. Das ist zwar spürbar weniger als der reguläre Einkommenssteuersatz, aber eben nicht null. Wer sein 3a-Kapital auf mehrere Konten verteilt und diese in verschiedenen Jahren bezieht, kann die Steuerprogression zusätzlich brechen und so nochmals sparen.
Vorsicht bei 3a-Versicherungslösungen
Hier kommt ein Punkt, bei dem du wirklich genau hinschauen solltest: Es gibt zwei komplett unterschiedliche Arten, eine Säule 3a zu führen: als reine Wertschriften- oder Zinslösung bei einer Bank, oder als Lebensversicherung mit Sparteil bei einer Versicherung. Diese zweite Variante hat es in sich, und viele Leute merken das erst, wenn es zu spät ist.
Bei einer 3a-Lebensversicherung verpflichtest du dich vertraglich, über viele Jahre eine feste Prämie einzuzahlen. Ein grosser Teil deiner ersten Einzahlungen fliesst dabei nicht in dein Sparguthaben, sondern in Abschlusskosten, Provisionen und den eingebauten Versicherungsschutz (z. B. gegen Invalidität oder Todesfall). Kündigst du eine solche Police vorzeitig, bekommst du nur den sogenannten Rückkaufswert zurück, und der liegt in den ersten 5 bis 10 Jahren oft deutlich unter dem, was du eingezahlt hast. Verluste von 20 bis 40 Prozent sind laut Vermögensberatern keine Seltenheit, in dokumentierten Einzelfällen haben Kunden bei früher Kündigung sogar praktisch ihr gesamtes eingezahltes Kapital verloren, weil die Anfangskosten die Prämien der ersten Jahre komplett aufgefressen haben. Das heisst: Ja, es gibt tatsächlich 3a-Lösungen, bei denen du am Ende weniger herausbekommst, als du eingezahlt hast. Das ist keine Ausnahme, sondern ein bekanntes, gut dokumentiertes Problem bei genau dieser Produktkategorie.
Wichtig für die Einordnung: Dieses Problem betrifft spezifisch die Versicherungs-3a, nicht die Säule 3a als solche. Eine 3a-Wertschriftenlösung bei einer Bank, insbesondere bei günstigen, digitalen Anbietern, investiert in ganz normale Indexfonds oder ETFs, oft zu Kosten von nur rund 0,4 bis 0,6 Prozent pro Jahr, ohne Abschlusskosten und ohne Kündigungsverlust. Wenn du dich für eine 3a entscheidest, achte deshalb ganz genau darauf, ob dir eine Bank-Wertschriftenlösung oder eine Versicherungspolice angeboten wird. Das ist finanziell ein Welten-Unterschied, auch wenn beides "Säule 3a" heisst. Im Zweifel: Sparen und Versicherungsschutz (z. B. gegen Erwerbsunfähigkeit) getrennt voneinander abschliessen, statt beides in einem Produkt zu vermischen.
Die Säule 3b: frei, aber ohne grosse Steuerkarotte
Die Säule 3b funktioniert fast spiegelverkehrt. Es gibt keinen gesetzlichen Maximalbetrag, du kannst so viel einzahlen, wie du willst, wann du willst. Du kommst grundsätzlich jederzeit an dein Geld, ohne einen bestimmten Grund angeben zu müssen. Und du kannst frei bestimmen, wer im Todesfall das Kapital erhält, auch Personen ausserhalb deiner Familie.
Der grosse Unterschied: Einzahlungen in die Säule 3b kannst du in der Regel nicht von den Steuern abziehen. Es gibt einige Ausnahmen bei bestimmten Lebensversicherungen mit Risikoschutz, aber meistens ist dieser Abzug ohnehin schon durch deine obligatorische Krankenkassenprämie ausgeschöpft.
Bei den Kursgewinnen gibt es dafür eine gute Nachricht, die viele nicht kennen: Wie bei der Säule 3a sind auch bei einem 3b-Wertschriftendepot Kursgewinne für Privatpersonen in der Schweiz grundsätzlich steuerfrei. Das ist ein allgemeiner Grundsatz des Schweizer Steuerrechts für privates bewegliches Vermögen, nicht nur ein Vorsorge-Privileg. Der entscheidende Unterschied zur 3a liegt woanders: Bei einem einfachen 3b-Sparkonto oder Wertschriftendepot musst du laufende Erträge wie Zinsen und Dividenden trotzdem jedes Jahr ganz normal als Einkommen versteuern, und das Vermögen selbst zählt in der Steuererklärung zu deinem steuerbaren Vermögen. Und hier liegt der grösste Unterschied zur 3a: Bei der Auszahlung selbst fällt bei einem gewöhnlichen 3b-Konto oder -Depot keine zusätzliche Steuer an, weil es sich einfach um dein eigenes, bereits versteuertes Vermögen handelt, nicht um eine separat besteuerte Kapitalleistung wie bei der 3a. Bei bestimmten Versicherungslösungen (etwa rückkaufsfähigen Lebensversicherungen mit regelmässigen Prämien, Vertragsdauer ab fünf Jahren, Auszahlung frühestens ab Alter 60) ist sogar die gesamte Kapitalauszahlung inklusive Erträgen komplett steuerfrei.
Warum steht die 3a so im Rampenlicht?
Der Hauptgrund ist simpel: Die Säule 3a lässt sich fantastisch verkaufen. "Zahl hier ein und spar sofort Steuern" ist eine Botschaft, die jeder in drei Sekunden versteht, und der Vorteil ist sofort spürbar, schon bei der nächsten Steuererklärung. Banken, Versicherungen und Finanzblogs bewerben die Säule 3a deshalb jedes Jahr im Herbst und Winter besonders intensiv, kurz bevor die Einzahlungsfrist zum Jahresende abläuft. Das Produkt ist zudem standardisiert: ein 3a-Konto oder eine 3a-Wertschriftenlösung sieht bei jeder Bank ähnlich aus, was den Vergleich und die Werbung dafür einfach macht.
Warum kennt (fast) niemand die 3b?
Die Säule 3b hat es dagegen doppelt schwer. Erstens: Es gibt keinen einheitlichen, klar abgegrenzten "3b-Steuervorteil", den man in einem Werbesatz zusammenfassen könnte. Die steuerliche Behandlung hängt stark vom gewählten Produkt ab (Lebensversicherung, Sparkonto, Wertschriften, sogar Wohneigentum oder Wertsammlungen zählen dazu). Das lässt sich nicht so knackig bewerben wie "spare Steuern". Zweitens: Weil es keinen Maximalbetrag und keine feste Struktur gibt, ist die 3b eigentlich kein einzelnes Produkt, sondern eher eine Sammelkategorie für "alles Übrige", das nicht in die enger geregelte 3a passt. Für viele Menschen fühlt sich das an wie "einfach normal sparen und anlegen", und genau deshalb denkt kaum jemand bewusst "das ist jetzt meine Säule 3b", obwohl sie de facto genau das tun, sobald sie zum Beispiel ein Wertschriftendepot oder Sparkonto ausserhalb der 3a besparen.
Wann lohnt sich welche?
Die Säule 3a lohnt sich für praktisch alle, die in der Schweiz AHV-pflichtiges Einkommen haben. Der Steuervorteil ist real und sollte, wenn finanziell möglich, jedes Jahr voll ausgeschöpft werden. Die Säule 3b wird vor allem dann interessant, wenn du entweder bereits den 3a-Maximalbetrag ausschöpfst und trotzdem weiter fürs Alter oder für mittelfristige Ziele sparen willst, oder wenn du dein Geld flexibel verfügbar halten möchtest, statt es bis zur Pensionierung zu binden, etwa für ein grösseres Projekt in ein paar Jahren.
Kurz gesagt
Die Säule 3a gewinnt den Bekanntheitswettbewerb, weil sie einen klaren, sofort spürbaren Steuervorteil bietet und sich deshalb leicht bewerben lässt. Die Säule 3b ist deutlich flexibler, aber ohne griffigen Werbesatz und ohne feste Struktur, und bleibt deshalb meist unsichtbar, obwohl viele Menschen sie längst nutzen, ohne es zu merken. Wer beide Säulen kennt und gezielt kombiniert, holt das Beste aus beiden Welten heraus: Steuervorteil dort, wo möglich, und Flexibilität dort, wo nötig.
Ro₿y
Disclaimer: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Bildung und Aufklärung. Er ersetzt keine individuelle Steuer- oder Anlageberatung.
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